Sisyphos – Im Interview mit Ihrem Gastgeber Ben Förtsch

Ben Förtsch ist keiner, der nur für Buzzwords wie „Ökobilanz“ und „Nachhaltigkeit“ sensibilisieren will. Er hat eine klare und für viele unbequeme Botschaft: Die verschwenderische Spezies Mensch muss mehr für diesen Planeten tun. Das fängt beim Fahrradfahren an und hört beim Besuch im Hotel nicht auf. Mit der klassischen Ökobewegung hat er jedoch genauso wenig am Hut wie mit der herkömmlichen Hotellerie. Ben Förtschs grüne Revolution funktioniert unterschwellig und schaut dabei auch noch ziemlich gut aus. Denn Nachhaltigkeit, so sagt einer von Deutschlands mutmaßlich jüngsten Gastgebern und der Schöpfer des derzeit wohl umweltfreundlichsten Hotelzimmers, hat nichts mit Verzicht zu tun – sondern mit Wertbewusstsein.

Du hast 2014 die Gesamtleitung des Hotels übernommen, das Deine Großeltern gegründet und Deine Eltern Dir übergeben haben. Wie gehst Du es an?

Ohne mich als Person verstellen zu müssen. Ich will authentisch bleiben. Ich habe großes Vertrauen in meine Mitarbeiter und versuche ihnen so viele Freiheiten wie möglich zu geben, natürlich auch Verantwortung. Gerade im Tagesgeschäft versuche ich vieles zu delegieren. Ich brauche einen freien Kopf. Ich habe so viele Ideen. Ich denke, ein guter Chef kann auch mal gehen, ohne dass alles aus dem Ruder läuft. Diese Freiheit nehme ich mir und kann dafür auch mal die Steine für das Biotop richtig arrangieren oder Wände streichen. Ich brauche diese Abwechslung. Säße ich nur an meinem Schreibtisch, wäre ich festgefahrener und würde in die immer gleichen Muster verfallen.

Klingt nach einem angenehmen Job…

Ja, wer mich nicht kennt, könnte den Eindruck bekommen, ich sei ein nicht besonders gestresster Geschäftsführer (lacht). Das stimmt natürlich nur bedingt.

Du bist auf jeden Fall ein sehr junger Direktor.

Stimmt. Ich entspreche nicht unbedingt dem klassischen Bild eines Hoteldirektors. Diese Bezeichnung gefällt mir ohnehin nicht besonders. Ich sehe mich vielmehr als Gastgeber. Am Anfang hatte ich tatsächlich Angst, dass ich aufgrund meines Alters nicht ernst genommen werde. Mittlerweile sehe ich meine Jugend aber als Vorteil. Zum Beispiel, weil ich sozusagen inkognito durch das Hotel gehen kann. Diese Rückzugsmöglichkeit ist aber auch eine meiner Schwachstellen: Mir fehlt manchmal die Verbindung zu meinen Gästen. Hier muss ich mehr aus mir herauskommen.

Der Luxus liegt nicht im Preis, sondern in der Würdigung von Qualität. Wer nachhaltig lebt, lebt vor allem qualitäts-, aber auch wertbewusst.

– Ben Förtsch

Wie begegnest Du Deiner Branche?

Ich bin selten unter Hoteliers. Von den typischen Hotellerie-Conventions halte ich nicht viel. Ich habe nie Hotelfach gemacht, und ich will kein typisches Hotel sein. Natürlich sperre ich mich nicht total, und die Kontakte sind wichtig. Um ehrlich zu sein, vernetze ich mich aber lieber mit Vorausdenkern und Pionieren, auch im Bereich Design. Ich bin ein sehr visueller und ästhetisch interessierter Mensch.

Und mit deinem Hotel-Konzept auch ein Wegbereiter und Pionier?

Meinen Vater nannten sie immer den „grünen Spinner“. Und ich habe nichts dagegen, genauso ein „Spinner“ zu sein. Was das bedeutet, kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht genau, wo ich in ein paar Jahren stehen werde. Aber ich habe eine klare Vorstellung davon, was ich mit dem Hotel und persönlich erreichen will. Ich habe akzeptiert, dass das meine Art der Selbstfindung ist. Immer im Wandel. Vielleicht nie in Vollendung.

Weltverbesserer und Hotelier

Und gerade deshalb ein Weltverbesserer?

Vielleicht. Und doch tun auch wir nicht genug, um das zu verhindern, was uns bevor steht. Der Film von Leonardo DiCaprio, „BEFORE THE FLOOD“, hat mir das einmal mehr vor Augen geführt. Da fühlt man sich schon mal wie Sisyphos. Die Apokalypse einfach so hinnehmen, das geht aber auch nicht. Das Schlimme ist: Alle wissen es, und nur die wenigsten tun wirklich aktiv etwas, um das Ruder herumzureißen. Manche leugnen den Klimawandel. Der Mensch ist sein größter Feind. Können wir mit dieser Zerstörungswut leben? Ich nicht.

Wer hat Dich für das Thema Umwelt sensibilisiert?

Das waren meine Eltern. Ich wurde sehr umweltbewusst erzogen und bin da ziemlich früh und auch unterbewusst reingerutscht. Ich teile den bestehenden Ansatz, versuche ihn aber noch ein bisschen weiterzudenken und auch hinsichtlich unseres Interieurs neu zu deuten. Ich will meiner Zielgruppe Nachhaltigkeit verkaufen – nicht als Verzicht, sondern als Mehrwert.

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Wie meinst Du das?

Die unbequeme Umstellung auf eine nachhaltige Lebensweise ist wie eine Diät mit Jojo-Effekt. Man verzichtet und reißt sich am Riemen, nur um sich dann wieder etwas zu gönnen und Ressourcen doppelt zu verschwenden. Sich nachhaltig zu verhalten, muss aber nicht bedeuten, dass man verzichtet, sondern dass man andere Prioritäten setzt.

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Quadratmeter

Fläche haben wir seit 2010 renaturiert.

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% weniger Endenergie

verbrauchen Sie bei uns pro Nacht im Vergleich zu einem durschnittlichen Beherbergungsbetrieb der gleichen Sternekategorie.

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% weniger Abfall

produzieren wir im Vergleich zu durschnittlichen Beherbergungsbetriebe der gleichen Sternekategorie.

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Bäume

haben wir in Panama seit 2010 gepflanzt.

Glaubst du, dass diese Botschaft bei deinen Gästen ankommt?

Ich gehe nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Gänge und mahne jeden Gast zur Nachhaltigkeit. Das ist jedem selbst überlassen. Aber: Wer eine gute Nacht in unserem nachhaltigen Bett verbringt, wird es sich vielleicht vordergründig aus diesem Grund kaufen, verbindet seinen persönlichen Komfort aber mit der guten Sache. Das wäre zumindest ein Anfang.

Hat Nachhaltigkeit also immer auch mit Geld zu tun?

Ich finde nicht, dass Nachhaltigkeit das Privileg der Reichen ist. Aber es stimmt, das Thema hat diesen Touch und genau deshalb haben viele Menschen Berührungsängste. Doch das Argument, es könne ja nicht jeder im Bioladen oder Reformhaus einkaufen, weil es zu teuer ist, gilt für mich nicht. Wir haben in Deutschland immer noch die niedrigsten Kosten für Nahrungsmittel.

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Sich nachhaltig zu verhalten muss aber nicht bedeuten, dass man verzichtet, sondern dass man andere Prioritäten setzt.

– Ben Förtsch

Deine neuen Zimmer zeigen das sehr anschaulich. Und sie läuten eine umfassende Umgestaltungsära ein. Ist Dein Hotel ein Work in Progress?

Ich habe eben viele Ideen und kann nicht alles auf einmal umsetzen. Das wäre nicht nachhaltig. Diese Dinge brauchen Zeit und Geld. Wandel ist im Creativhotel ein Zustand. Natürlich haben wir unseren grünen Faden und doch ist eben noch nicht alles aus einem Guss. Und das verstecken wir nicht. Macht der Gast seine Augen auf, sieht er das. Andere interessiert das nicht. Sie ärgern sich einfach nur über den viel zu kleinen Fernseher. Ich möchte den Ansatz meiner Eltern nicht verwässern, sondern fortführen. Auch Beständigkeit ist nachhaltig. Aber ich will auch meine eigenen Akzente setzen, vielleicht Verrücktes wagen und Bewährtes einer neuen Nutzung zuführen.

Welche Art Gastgeber möchtest Du dabei sein?

Ich möchte dass sich jeder Gast bei uns so entfalten kann, wie er es für richtig hält. Ich habe viele unterschiedliche Zielgruppen und will es langfristig schaffen, dass sich jede bei uns wohlfühlt. Aber auch das ist ein Prozess. Wer sich nicht für Nachhaltigkeit interessiert, hat hier auch die Möglichkeit, dem Thema aus dem Weg zu gehen. Ich kann keinen dazu zwingen, sich mit unserem Ansatz zu identifizieren. Nachhaltigkeit springt dich hier nicht an, aber unser Interieur bietet Anknüpfungspunkte, um sich damit auseinanderzusetzen. Am Ende sitzt der Gast am längeren Hebel. Wenn ein Hotel bewusst keine Fernseher hat, der Gast aber fernsehen will, kommt er nicht wieder. So ist es auch bei uns. Manchmal muss man eben einen guten Kompromiss finden. „Before the flood“ als Daumenkino auf Recyclingpapier vielleicht (lacht).

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