Luise.

Es ist Sommer. Vielleicht ein später Frühlingstag. Sie ist mit dem Rad unterwegs und kurz abgestiegen. Ihre Haare werfen anmutige Wellen, genau wie die Landschaft im Hintergrund. Sanfte Hügel. Die Giebel und Dächer eines Dorfes. Heimat-Idyll im Jahr 1931. Luise Gumbmann ist 25 Jahre jung…

Wohin Luise an diesem schönen Tag geradelt ist? Das verrät uns die Fotografie, die auf einer Seite eines alten Familien-Fotoalbums auf Betrachtung wartet, nicht. Sicher ging es irgendwann zurück nach Erlangen, wo Luise damals mit ihrem Mann und Töchterchen Marga lebte. Ein wenig Skepsis liegt in ihrem Blick, als wolle sie nicht innehalten und posieren, sondern weiterradeln. Ob es so war? Wir wissen es nicht. Und auch für Luise ist damals noch so vieles ungewiss. Innehalten, umkehren oder weiterfahren? An diesem Tag scheinen alle Wege offen. Auch mit 25 hat man gewiss noch Träume, hat Sehnsucht, schmiedet große Pläne, betet für das Glück seiner Liebsten. Die Tochter ist noch ein kleines wonniges Mädchen. Dass Marga einmal ein Hotel gründen wird, das Luises Namen trägt, ahnt Luise sicher nicht an diesem sonnigen Tag.

Verwundert haben dürfte es Luise aber letztlich nicht, dass ihre Tochter einmal diesen Weg einschlägt. Sie selbst ist ein Kind der Gastronomie. Als Luise etwa 14 Jahre alt ist, erwirbt ihr Vater Andreas Pflaum, Sohn eines Schuhmachers aus Hallstadt bei Bamberg, die Konzession für den legendären „Roten Ochsen“ in Erlangens Hauptstraße 24. Ihre Jugend verbringt Luise zwischen Schanktisch und einer Handvoll Fremdenzimmer. Andreas Pflaum zählt bald zu den schillerndsten Figuren der Hugenottenstadt. Mit dem städtischen Polizeirevier gerät er nicht nur einmal in Konflikt – mal muss er sich wegen Glücksspiels verantworten, mal lässt er einen dessen Ehefrau überdrüssig gewordenen Herren aus Forchheim im Gasthaus übernachten, ohne ihn gemäß der damaligen Vorschriften bei der Stadt anzumelden. Unterhaltsame Geschichten, die sich heute in archivierten mit unfreiwilliger Komik vollen Polizeiberichten von anno dazumal nachlesen lassen, und deren unzensierte Version Luise vermutlich beim Abendbrot von ihrem Vater aufgetischt bekam.

Ob sie Luise interessiert haben, die Sperenzien des Vaters? Irgendwann geht es ihr wie wohl fast jeder jungen Frau. Die elterliche Gaststube wird ihr zu eng. Luise ist verliebt und geht bald ihren eigenen Weg. Die Frau mit Bodenhaftung sucht sich kein Schlitzohr, sondern einen Träumer aus. Einen Mann mit Weitsicht. Georg Gumbmann ist tags Feinmechaniker bei Siemens, nach Feierabend tüftelt er an seinen eigenen kleinen Erfindungen. Sie kommen viel herum in Deutschland, einmal geht es sogar an den Bodensee. Luise in Lindau. Vielleicht ist es die Hochzeitsreise, die das junge Paar bis an den Alpenrand führt. 1926 kommt Marga zur Welt. Margarethe, so heißt auch Luises Mutter. Luise und Marga – das Fotoalbum zeigt viele dieser Bilder. Glückliche Tage. Schöne Hüte. Zu dritt wird auch fleißig in Erlangens Schlossgarten posiert. Im feinen Sonntagszwirn. Oder ganz leger am Badesee. Luises Welt scheint entrückt. Luise auf Wiesen, im Wald, im Idyll. Erlangen wird derweil mit Haken-kreuzen geschmückt. Dann kommt der Krieg. Die nächsten Seiten im Album bleiben leer.

Nach 1945 baut Luises Tochter ehrgeizig an der eigenen Zukunft. Marga ist, gleich ihrer Mutter, zu einer selbstbewussten, attraktiven Frau herangewachsen. Sie ist kultiviert, kann fechten und singen, und sie behauptet sich am liebsten unter Männern. Den einen hat sie längst gefunden. Heinz Förtsch steht Luises Tochter zur Seite als sie 1956 nach einem Grundstückstausch mit Siemens ein Hotel auf die Beine stellt. Die Zeit ist günstig. Siemens expandiert und das Hotel wächst am Wirtschaftswunder. Wieder: Glückliche Tage. Luise inmitten einer illustren Festgesellschaft. Sie trägt jetzt Brille. Die anmutigen Wellen sind vielleicht ein bisschen silbern geworden. Sie lacht. Ob sie schon weiß, dass sie krank ist? 1967 stirbt Luise. Sie wird nur 61 Jahre alt. Ihr Name bleibt. Das Hotel führt heute Luises Urenkel in dritter Generation weiter.

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